Grossveranstaltung am 4. November 2010

Großveranstaltung 'Gerecht geht anders!'

Frank Bsirske in der Alsterdorfer Sporthalle

Hamburg, 4. November 2010 | Gut 2000 Gewerkschaftskolleg/innen kamen am 4.11. zur zweiten großen Veranstaltung im Rahmen der Kampagne Gerecht geht anders. Uwe Grund, der Hamburger DGB-Chef nahm sich zu Beginn  den Hamburger Senat zur Brust: „Erst verschleudern sie hunderte von Millionen, weil ihnen die Kosten für ihre Prestigeobjekte wie die Elbphilharmonie aus dem Ruder laufen. Dann meinen sie: Jetzt muss gespart werden. Dabei meinen sie aber nicht sich, sondern die Eltern, bei denen sie die Beiträge für die Kitas anheben; oder die Beschäftigten in den Theatern, Museen und in den Bücherhallen, wo aufgrund der massiven Kürzungen Schließungen wahrscheinlich werden. Schließlich sollen die Beamt/innen wieder einmal ein Sonderopfer bringen und massive Weihnachtsgeldkürzungen hinnehmen. Gerecht geht wahrlich anders!“

Anschließend führte Uwe Grund durch eine bunte Revue, in der die Betroffenen zu Wort kamen:

32 1-Euro-Jobber des Beschäftigungsträgers Alraune gGmbH hängen unter dem Slogan „Wir geben unser letztes Hemd nicht her!“ beschriftete Protesthemden auf eine Wäscheleine quer über der Bühne. Dabei erklären sie, was die massiven Kürzungen bei der Arbeitsmarktförderung – von 100 Millionen jährlich Ende der 90er auf gerade noch 15 Millionen für operative Aufgaben 2011 - für sie bedeuten!

Zu den Klängen des Songs „Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug schiebt sich  eine Rollatorenparade durch die Halle. An den Rollatoren Hafenarbeiter/innen, Müllwerker, Krankenschwestern und Pfleger sowie Brief- und Postzusteller/innen in Berufskleidung; alles Kolleg/innen aus körperlich belastenden Berufen, die sich nicht vorstellen können, das Rentenalter 67 gesund und im Job zu erreichen. Auf der Bühne werden parallel Szenen aus ihrem belastendem Arbeitsalltag nachgestellt: Müllwerker wuchten Eimer (So heißen die Mülltonen in ihrem Jargon) auf die Bühne, wie sie täglich die Mülltonnen aus Kellern auf die Straße hieven und im Laufe eines Arbeitstages ca. 20 Tonnen Gewicht bewegen; zwei Briefzusteller packen riesige Mengen Briefe und Pakete auf ihr Fahrrad, mit dem sie tagtäglich Gewicht transportieren; Hafenarbeiter  werfen Säcke über die Bühne und erklären, dass aufgrund der Belastungen im durchgängigen Schichtbetrieb schon heute kaum eine/r die Rente mit 65 schafft; zwei Krankenschwestern zeigen, was es bedeutet, jeden Tag x-mal schwere Patienten zu bewegen, indem sie Wolfgang Rose, den Hamburger ver.di-Chef von einem Stuhl auf eine Trage umbetten.

Martin Luther tritt an die Kanzel und liest dem Hamburger Senat wegen der Kürzungen bei den Bücherhallen die Leviten. Statt 95 1517 in Wittenberg hat er diesmal nur eine These zum Anschlag an die Rathaustür dabei: An Kultur und Bildung darf nicht gespart werden. Wer das trotzdem tut, gefährdet die Zukunft der Stadt!

In einer spritzigen Gesprächsrunde stellen drei Kollegen Deutschlands größte Sprechbühne vor: Man freue sich zwar auch über bildungsbürgerliche Besucher aus Blankenese, Winterhude und Volksdorf, sei aber für alle Hamburger da. Besonders deutlich werde das im Jungen Schauspielhaus. Das sei zwar schon fünf Jahre alt, aber noch viel zu jung zum Sterben. Das Haupthaus zähle ja schon 110 Jahre, sei dabei aber jung geblieben. Das müsse so bleiben! Was viele nicht wüssten: Das Theater gebe 380 Menschen Arbeit und bilde 16 junge Menschen aus. Die einprägsame Kurzvorstellung endete mit dem Appell: Wir sind das Schauspielhaus! Sie auch!

Auf der Bühne sitzen die acht historischen Museen der Stadt auf acht Stühlen. Zum Song Money, money beginnt ein Auswahlverfahren durch das Spiel Reise nach Jerusalem, das durch den die Peitsche schwingenden Kürzungssenator mit Frack, Melone und Zigarre erzwungen wird. 500.000 Euro Kürzungen 2011 – da waren`s nur noch sieben, eine Million 2012 -  da waren`s nur noch fünf.. Wenn am Ende die 3,5 Millionen Einsparungsvolumen erbracht sind, gibt es kein historisches Museum mehr in der Stadt. Schlussbemerkung: Mit uns verliert Hamburg seine Identität. Ohne Identität verliert es seine Zukunft. Mit unserer Schließung hätte der Senat viel gespart, aber zugleich ungleich mehr verloren!

Politischer Höhepunkt des Abends war die Rede des ver.di-Bundesvorsitzenden Frank Bsirske. Hier einige Zitate zur Situation in Hamburg und Deutschland:

Kürzungen bei der Beschäftigungsförderung, bei den Museen, den Theatern, den öffentlichen Bücherhallen – Ihr habt es gehört. Jetzt werden die Weichen gestellt, wer die Lasten der Wirtschaftskrise der letzten Jahre tragen soll! (…) Die riesigen Verluste der Krise dürfen nicht sozialisiert werden Es kann nicht sein, dass das Spekulationscasino mit Steuergeldern renoviert und danach wieder den Spekulanten übergeben wird! Der internationale Finanzmarkt muss re-reguliert werden.
 
(…)Angela Merkel erklärt im Juni dieses Jahres. Wir haben über unsre Verhältnisse gelebt. Da darf man doch mal fragen, wen sie damit meint. Erste Antworten kommen dann aus Bayern von der CSU: die Arbeitslosen. Und Herr Rösler kommt gleich hinterher: die in der gesetzlichen Krankenkasse Versicherten. Und als Heilmittel empfiehlt er zugleich die Einführung der Kopfpauschale. Und sowieso klar ist: die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst. Da wir dann auch gleich kräftig gestrichen und gekürzt. (…) Unten belasten, um oben zu entlasten, das ist der rote Faden, der sich durch die Politik der schwarz-gelben Regierung zieht. Das ist nicht gerecht. Gerecht geht anders!

Es ist politisch gewollt, dass wir zur Steueroase für Superreiche geworden sind. Wenn wir nur das EU-Durchschnittsniveau bei der Besteuerung der Reichen und Superreichen erreichten, brächte das alleine 35 Milliarden an zusätzlichen Steuereinnahmen – so eine Schätzung des Sachverständigenrats. Und es ist auch nicht gottgegeben, dass wir uns ein organisiertes Steuervollzugsdefizit leisten. Insgesamt fehlen Bundesweit 6.000 Steuerprüfer. Jeder davon würde netto Einnahmen von 1 Million Euro erbringen, alleine dadurch, dass er seinen Job macht und die Unternehmen prüft. Jedes Jahr verzichtet die Steuerverwaltung so auf 6 Milliarden Euro. Die Krise ist in Wirklichkeit eine Krise der Steuer. Gerecht geht anders! (…)

Zu einer gerechten Politik gehören

  • eine Besteuerung, bei der die Profiteure des Spekulationskapitalismus ordentlich zur Kasse gebeten werden. Breite Schulter können und müssen mehr tragen!
  • der Verzicht auf die Rente mit 67
  • ein gesetzlicher Mindestlohn auf dem Niveau unserer westlichen Nachbarn
  • der Verzicht auf Leiharbeit als systematische Lohndrückerei. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!
  • Eine solidarische Bürgerversicherung statt einer Zwei-Klassen-Medizin

Das ist eine gerechte Politik. Lasst uns gemeinsam dafür streiten!

 

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Flugblatt zur Großveranstaltung 04.11.20102.32 MB